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    • ClauSi

    Teil 1 Pamir: mit Stock & Hut und ClauSis Mut geht es auf high altitude



    So ihr Lieben, hier kommt mein längst überfälliger Pamir Bericht. Reisen ist kein Urlaub und dass ich mal Zeit für mich habe, kommt selten vor. Seit April düse ich Richtung Zentralasien und nach 16.548 Kilometern, ca. 1.700 Liter verbrauchtem Diesel, 15 durchquerten Ländern und 136 Tagen (macht im Durchschnitt 121 km pro Tag) bin ich bereit für das Pamir Gebirge. Der Weg hierher war nicht ohne Wehwehchen, aber hey, das gehört dazu: ein paar kaputte Gelenkmanschetten, ein verstelltes Schaltgestänge, einen zickigen, verdreckten Anlasser, einen defekten Lichtmaschinenregler, zwei Steinschläge in meiner Windschutzscheibe und meinen Scheinwerfern. Alles überschaubar! Jetzt bin ich topfit und mache ich auf das "Dach der Welt": ein Knoten aus den großen Gebirgssystemen des Tien Shan, Alai und Trans-Alai, Kunlun, Karakorum und Hindukusch – von hier streben sie nach ganz Zentralasien auseinander. Ich werde auf eine Höhe von 4.655m fahren und Berge und Gipfel bis zu 7.690m sehen. Ob ich aufgeregt bin? Und wie! Claudia ist auch ein bisschen nervös, gerade was die Höhe betrifft. Simon ist wie immer völlig tiefenentspannt. Er muss nur die ollen Parasiten loswerden. Laut Arzt werden die ganz schnell merken, dass sie nicht mehr willkommen sind und sich nach der ersten Tablette verdünnisieren.


    Durch den Pamir führt der Pamir-Highway (M41), die zweithöchste Fernstraße der Welt (nicht vergleichbar mit dem was wir Europäer unter einem Highway verstehen, immerhin teilweise asphaltiert) und einige Pisten durch abgeschiedene Täler. Diese werden wir bevorzugen. Wir wollen durch das Wakhan Valley an der afghanischen Grenze am wilden Grenzfluss Panj entlang, zu den Seen Bulunkul und Yashilkul, zum abgelegenen Zorkul-See, weiter mit einem Abstecher über das ehemalige russische Observatorium nach Murghob und von dort die Hauptstrecke über den Karakul-See nach Kirgistan. Wir werden nicht alles alleine fahren. Im Wakhan Valley treffen wir Sanne, Markus, ihre beiden Kids Mika (3) & Frida (5) und ihre Orange wieder. Ihr erinnert euch? Die Orange ist mein Kumpel aus Halle, auch ein VWT3 Syncro. Wäre er ein Mädchen, würde ich mich glatt in ihn verlieben. Aber mein Busherz wird wohl weiter einsam bleiben, immerhin habe ich einen Reisepartner. Zu zweit können wir uns notfalls gegenseitig bergen, mit Ersatzteilen aushelfen und Mut zusprechen.


    Jetzt heißt es erst mal auf nach Khorugh. Von Dushanbe nach Khorugh gibt es zwei Routen: die schnellere, asphaltierte Südroute und die wenig befahrene nördliche Route über den 3.252 m hohen Khoburobot-Pass auf Holperpisten, die vor langer Zeit angeblich mal asphaltiert war. Wir entscheiden uns für die Nordroute, sind ja schließlich nicht zum Spaß hier. Hinter Ob-i Garm legen wir unseren ersten Zwischenstopp ein und suchen ein schönes Plätzchen für die Nacht: Ausblick auf den Staudamm in Roghun, der seit den 1980er Jahren gebaut wird und über 350m hoch werden soll.



    Die Nacht ist herrlich ruhig, der nächste Morgen herrlich entspannt. Gegen Mittag fahren wir fröhlich weiter, den Nachmittagskaffee gibt’s an einem kleinen Badesee und übernachtet wird an einem Fluss zwischen Schafen und Ziegen mit netten Hirten.


    Ausgeschlafen machen wir uns auf zum Khoburobot-Pass mit der vermutlich höchsten Bushaltestelle der Welt (ein Überbleibsel aus Sowjetzeiten). Ein Bus kommt hier allerdings schon lange nicht mehr vorbei, außer ich 😊. Am Pass darf ich nicht in die Wiesen hüpfen – Mienengebiet aus Bürgerkriegszeiten. Claudia muss mal, sie darf auch nicht in die Wiese hüpfen.


    Über steile Serpentinen geht es runter ins Tal. Claudia ist ganz friedlich auf ihrem Sitz, obwohl es rechts neben ihr sehr tiefe Abhänge runter geht. Nach unserer Horrorpiste in Marokko kann sie so schnell nichts mehr erschüttern.



    Unten im Tal machen wir Pause an einem Fluss. Auch die Einheimischen nutzen das Plätzchen für ein Picknick und kochen mal schnell einen „leckeren“ Lebereintopf. Simon kommt nicht drum herum und darf nach seinem Bad im eiskalten Fluss einen riesigen Teller essen. Der Lebereintopf ist so gar nicht sein Geschmack, Claudia will auch nichts davon haben und so verschwindet der Eintopf Häppchen für Häppchen heimlich in einer Tüte (er muss schließlich seinen Magen schonen).


    Wir fahren weiter bis Qala-I-Khumb, hier treffen die Süd- und Nordroute nach Khorugh wieder aufeinander. Ab jetzt fahren wir direkt an der afghanischen Grenze entlang, nur der Fluss Panj trennt uns von Afghanistan. Das ist schon ein komisches und beeindruckendes Gefühl, so nah und doch so fern von Afghanistan zu sein.



    Die nächsten Tage werde ich viele Kilometer entlang dieser Grenze hoppeln. Wir müssen uns immer wieder an Militärposten registrieren und sehen viel Militär am Fluss patrouillieren. Wir befinden uns jetzt im autonomen Gebiet Gorno Badachshan (GBAO). Die Sondergenehmigung für dieses Gebiet haben Claudia und Simon zusammen mit ihren Visa für Tadschikistan beantragt. Ob wir uns unsicher fühlen? Nein, nicht ein einziges Mal. Nur an das Ufer vom Fluss sollen wir nicht gehen bzw. fahren, das ist Grenz- und teilweise Mienengebiet. Es wird langsam dunkel, ich habe noch ein Stück zu fahren. Rechts von mir ist der Fluss, links steile Bergwände, nicht besonders geeignet zum Übernachten.



    Ich bin sehr froh, dass ich kein großer Truck bin. Jeder LKW-Fahrer in Europa kann sich glücklich schätzen, über die guten Straßen. Hier rumpeln voll beladene Trucks die enge holprige Piste entlang, bei Gegenverkehr wird es brenzlig, es ist nur Platz für ein Auto... Kurz vor 20:00 Uhr kommen wir im Dunkeln auf einem Plateau an, mit Blick rüber auf Afghanistan. Wir sind nicht allein: ein Zelt mit zwei Radlern und eine Reisemobil aus der Schweiz.




    Morgenstund` hat Gold im Mund! Claudia und Simon wollen früh los und Mittag in Khorugh sein (ja, bitte nicht lachen). Wir sind tatsächlich 9:00 Uhr startklar. Kurz vor Abfahrt verquatschen sich die Beiden mit den Radlern Hannah und Ross aus England. So kommen wir doch erst zur gewohnten Mittagszeit los, immerhin der gute Wille war da.



    Am Nachmittag erreichen wir Khorugh. Erstes to do: meine Aufenthaltsgenehmigung verlängern. Claudia und Simon haben Visa für 45 Tage erhalten, ich als Fahrzeug darf nur 15 Tage im Land bleiben. Das muss man nicht verstehen und in Khorugh wird mein Aufenthalt um weitere 15 Tage verlängert. Zweites to do: Sondergenehmigung für den Zorkul See im abgelegenen Naturschutzgebiet an der afghanischen Grenze besorgen (das Gebiet ist nur mit gutem geländegängigem Fahrzeug wie mir erreichbar). Die Genehmigung gibt es im Touristenoffice, zusammen mit gutem Kartenmaterial für den Pamir.


    Wir übernachten vor dem B&B Welcome Inn und Claudia und Simon bekommen am nächsten Morgen das beste Frühstück während der ganzen Reise, dass sie nicht selber zubereitet haben.



    Simon macht sich auf den Weg zum Friseur, Claudia geht zum Markt frisches Obst und Gemüse einkaufen. Die Einkaufsmöglichkeiten werden für die nächsten zwei Wochen sehr begrenzt sein (dann kommen hoffentlich die ganzen Vorräte weg!). Freitag scheint Friseurtag in Khorugh zu sein, vor jedem Friseur lange Schlangen von Wartenden. Dann eben nicht Haare schneiden, vielleicht auch besser so, hier kommt jeder mit Einheitsschnitt vom Friseur.


    Auf nach Ishkashim, dort treffen wir heute meinen Kumpel die Orange mit Markus und Family. Unterwegs halten wir bei Bianca, Andi und Tinka aus Steyr in Österreich, natürlich mit einem Steyr LKW. Ein „kurzes“ Schwätzchen (der Steyr wird begutachtet, ich werde begutachtet) und drei Stunden später fahren wir weiter.



    Am Abend kommen wir am Übernachtungsplatz von Markus, Sanne und den Kids an. Es weht ein kalter ekeliger Wind, dieser olle Wind wird uns ab jetzt täglich begleiten.

    Unser nächstes Ziel sind die beiden Seen Bulunkul und Yashikul. 2,5 Tage mit ausgiebigen Pausen an heißen Quellen, Petroglyphen, schönen abgelegenen Übernachtungsplätzen und Hammerausblicken hoppeln die Orange und ich gemütlich die Holperpisten entlang des Grenzflusses Panj.





    Wir fahren durch niedliche Dörfer mit hübschen Häusern und bunt blühenden Gärten. Überall Kinder und Erwachsene auf den Straßen oder Feldern, die uns freundlich winken. Was mir besonders auffällt: die Tadschiken sind sehr hübsche Menschen, Männer wie Frauen. Auf der anderen Seite des Flusses sehen wir die afghanischen Dörfer. Ich würde so gerne mal rüberfahren und weiter nach Pakistan, von hieraus ein Katzensprung!



    Langsam kommen wir immer höher, noch macht mir die Höhe nichts aus. Morgens springe ich ohne Probleme an und abends zickt meine Standheizung nicht rum, das wird sie auch während der ganzen Zeit im Pamir nicht (Dank Höhenkit). Wir schlafen mittlerweile auf einer Höhe von über 3.700m.



    Heute geht es über den Koytezek-Pass auf 4.300 m Höhe, ich schnurre wie ein Kätzchen die schlechte Piste hoch. Kein wirklich spürbarer Leistungsverlust in der Höhe!


    Ich komme ohne aus der Puste zu sein im Hochtal von Alichur, den Ostpamir an.


    Ich traue meinen Augen nicht, als ich sehe was da mir entgegen kommt: ein Japaner auf einer Honda Dax und sein omanischer Reisekumpel auf einer Yamaha R6 Rennmaschine. Im Pamir! Alles ist möglich!


    Weiter geht es im Teil 2...


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